1. buchLaden 46

 

Literaturszene Bonn: Wir würden gern damit anfangen, dass Sie sich einfach mal oder dass Du Dich mal einfach kurz vorstellst. Und sagst, wie Du zu deinem Beruf gekommen bist, wie Du dazu gekommen bist, die Buchhandlung zu führen.
Holger Schwab: Okay. Ich bin Holger Schwab, bin 64 Jahre alt und mache, das ist ein schöner Zufall, den buchLaden 46, also die Zahl umgedreht, schon seit 42 Jahren und bin durch Zufall dazu gekommen. Ich habe einen Aushilfsjob gesucht, und in dieser Buchhandlung war einer frei, und habe angefangen, hier zu arbeiten. Die linke Hochschulorganisation, die den Buchladen damals aufgebaut hatte, 1975 nämlich eröffnet hat, hat sich in dem Jahr aufgelöst. Da gab es also niemanden mehr, dem die Buchhandlung gehörte. Und ich habe mit meinem Kollegen, dem Klaus …, einfach weitergearbeitet, und wir hatten auf diese Weise eine Buchhandlung.
Literaturszene Bonn: Das ist ja dann ein toller Zufall und eine glückliche Fügung.
Holger Schwab: Ja, eine glückliche Fügung, weil ich auf diese Weise meinen Traumberuf gefunden habe.
Literaturszene Bonn: Also hatten Sie vorher überhaupt nicht den Wunsch oder das Interesse, den Beruf zu machen, sondern sind da quasi so durch den Job, den Aushilfsjob, reingerutscht?
Holger Schwab: Ja, wahrscheinlich hat mich irgendwas hierhergezogen, weil eine Freundin, die mich nach dem Abitur gefragt hat, was ich eigentlich jetzt machen wollte, wenn ich nicht mehr zur Schule gehen muss, hat mir erzählt, dass ich dann gesagt habe: „Lesen“. Und als Buchhändler lese ich sehr viel, kann sehr viel lesen. Und das Tolle, warum es mein Traumberuf ist, ist nicht nur, dass ich lesen kann, das wäre ein bisschen einsam, ich kann anderen Menschen von dem Lesen erzählen. Und die auch für Bücher begeistern, die ich gut finde.
Literaturszene Bonn: Ja, das ist ein gutes Stichwort. Haben Sie ein Lieblingsgenre oder ein Lieblingsbuch momentan?
Holger Schwab: Also Lieblingsgenre habe ich gar keins, außer dass ich genau weiß, was ich nicht lesen mag. Das ist zum Beispiel Fantasy. Aber auch da klappt es manchmal trotzdem. Ansonsten ein Lieblingsbuch …: Ja, ich hatte gerade ein tolles Leseerlebnis [Moment, ich hole es jetzt] mit dem Buch von Jürgen Wiebicke. „Sieben Heringe“ heißt das. Es geht um die letzten Gespräche, die er mit seiner Mutter geführt hat. Also Jürgen Wiebicke ist Radiomoderator, der macht „Das philosophische Radio“ beim WDR. Das sind Gespräche mit seiner Mutter über ihre Jugend und Kindheit in der Zeit vom Dritten Reich im Zweiten Weltkrieg. Darüber hat sie nie reden wollen, aber, kurz bevor sie gestorben ist, hat sie gesagt: „So jetzt bring dir was zu schreiben mit, ich erzähl jetzt mal.“ Da hat er Glück gehabt, viele Eltern machen das nicht, in dem Alter. Ja, das war ein tolles Leseerlebnis.
Literaturszene Bonn: Klingt sehr spannend.
Holger Schwab: Und mit dem wollte ich auch eine Veranstaltung machen. Ich begeistere mich für das Buch, weiß, wer Jürgen Wiebicke ist, ich war schon bei ihm in der Radiosendung, und er war schon hier für eine Lesung. Ich weiß, wie eine Lesung mit ihm ist, nämlich ganz toll. Er bringt die Leute zum Reden über ganz ungewöhnliche Themen. Und leider wird das wegen Corona nach wie vor nichts. Wir warten schon seit einem halben Jahr darauf. Im Moment würden die Eintrittspreise wegen der geringen Publikumszahl 65 Euro betragen. Pro Person!
Literaturszene Bonn: Das ist für die meisten Interessenten auch ein bisschen teuer. Ich schätze mal, es sind auch oft Studenten darunter, die solche Lesungen dann besuchen.
Holger Schwab: Da sind auch viele Studenten dabei. Aber auch Erwachsene können sich nicht alle einen Eintrittspreis von 65 Euro leisten. Und deshalb machen wir das gar nicht. [Es ist absolut …]
Literaturszene Bonn: Wie war das denn jetzt abgesehen davon, dass die Lesungen ausgefallen sind während Corona? Sie haben ja Ihre Bücher auch online angeboten, stellen ja auch online Bücher vor. Wie hat es ansonsten so geklappt?
Holger Schwab: Als der Lockdown kam, der erste vor einem Jahr, war das so, dass wir derartig viele Bestellungen bekamen von unseren Kunden und von neuen Kunden, dass wir überhaupt keine Zeit hatten, Bücher vorzustellen. Und wir brauchten aktiv gar nichts zu machen, außer unseren Kunden die Bücher zu liefern. Wir haben in diesen vier Wochen damals alle Bücher ausgeliefert, die wir als Bestellungen bekamen, und sind zu den Leuten nach Hause gefahren und haben die Bücher gebracht. Mit unserem Transportrad. Und das war so viel, dass wir von morgens um 8 Uhr bis abends um 22 Uhr gearbeitet haben, ohne Unterbrechung. Weil die Leute nämlich gelernt haben in der Pandemie. Die wussten sofort, sie müssen sich entscheiden, welches Geschäft nach der Pandemie noch dableibt und welches nicht. Und unsere Kunden haben uns geschätzt. Das haben wir daran sehr deutlich gemerkt.
Literaturszene Bonn: Dann konnten Sie in dem Fall wirklich auf Ihre Kundschaft zählen.
Holger Schwab: Ja. Und auf die neuen Leute. Viele Leute. Es war ja so, vorher wurde immer gesagt, viele Leute hätten aufgehört zu lesen. Ich glaube, dass ganz viele Leute zu viel Stress in ihrem Leben haben, um lesen zu können und die Ruhe zu finden, ein Buch aufzumachen. In diesen vier Wochen damals war ja wirklicher Lockdown, und es war plötzlich alles still und ruhig, und man merkte, man hat Zeit, die Kinder mussten beschäftigt werden. Und so hat man wieder an den Buchhändler gedacht.
Literaturszene Bonn: Dann war es jetzt also durch Corona auch ein bisschen so, dass, ich sag jetzt mal, zu der Stammkundschaft, die Sie hatten, auch neue Kunden dazugekommen sind, weil einfach ein größeres Interesse am Lesen da war.
Holger Schwab: Genau. Und weil, das sage ich jetzt mal so unter uns, nicht alle Buchhandlungen gut reagiert haben. Oder sich nicht auf so eine Situation vorbereitet haben oder nicht genug Kontakt zu ihren Kunden haben, sodass die lieber woanders hingegangen sind, wo sie mehr Menschlichkeit, menschliche Nähe, hatten.
Literaturszene Bonn: Haben Sie denn schon vorher online viel gemacht? Oder viel Kontakt auch mit Ihren Kunden?
Holger Schwab: Über das Internet haben wir relativ wenig Kontakt zu unseren Kunden verglichen mit dem, was im Geschäft passiert. Da ist unser Kontakt direkt. Da kann man miteinander reden und von Büchern und von Veranstaltungen überzeugen. Deshalb haben wir im Internet gar nicht so viel gemacht. Wir machen da was, aber so zum Beispiel wie andere Buchhandlungen das machen mit Facebook oder auf Instagram irgendwelche Sachen hochzuladen, das macht für uns nicht wirklich Sinn, weil das so aufwendig ist, weil man ja permanent irgendwas machen muss und es sich nicht rentiert. Und die Zeit lieber dazu genutzt wird, um Kontakt mit den Menschen zu haben.

 

 

2. Buchhandlung Jost

 

Literaturszene Bonn: Vielen Dank, dass ich heute da sein und das Interview mit Ihnen führen darf. Und ich würde gern einmal damit anfangen, dass ich Sie einmal bitte, sich und diesen Laden vorzustellen.

Jenny Jung: Mein Name ist Jenny Jung, und ich bin hier Filialleitung in der Buchhandlung Jost. Die Buchhandlung Jost gibt es seit den 50er-Jahren, da ist sie gegründet worden, und in den 80ern hat Hans-Georg Jost sie übernommen und dann auch wirklich groß gemacht. Sowohl namentlich als auch quadratmetertechnisch. Weil sie war vorher 30 Quadratmeter groß, jetzt haben wir 160. Er ist eigentlich eine Institution hier in Kessenich, und deshalb haben die neuen Besitzer, die es 2014 übernommen haben, Veit Hoffmann und Iris Hunscheid aus Achim bei Bremen, die haben den Namen beibehalten, weil man kann Kessenich Jost nicht mehr nehmen. Das geht nicht.

Literaturszene Bonn: Und wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?

Jenny Jung: Ganz klassisch wie fast jeder Buchhändler durch ein abgebrochenes Studium, diverse Nebenjobs, Ausprobieren und dann tatsächlich die ganz klassische Buchhändlerausbildung. Also ich glaube, jeder Buchhändler hat irgendein abgebrochenes Studium vorzuweisen. Und dann aber hinterher die Ausbildung noch gemacht.

Literaturszene Bonn: Sympathisch. Und wie lange machen Sie das schon?

Jenny Jung: Ich persönlich seit 2010, da habe ich die Ausbildung angefangen. Und hier in Kessenich bin ich seit 2015.

Literaturszene Bonn: In Ordnung. Was macht Ihre Buchhandlung aus? Was macht die Buchhandlung besonders?

Jenny Jung: Ich glaube, das Familiäre macht die Buchhandlung aus. Wir haben so viele unterschiedliche tolle Kollegen, die auch seit Hans-Georgs Zeiten schon hier sind und die deshalb in Kessenich auch jeder kennt. Wir kennen auch viele unserer Kunden auch mit Namen, und Kessenich ist eigentlich wie so ein kleines Pfädle geworden. Und jeder kennt jeden, und eigentlich muss man gar nicht mehr in die Bonner Innenstadt, um irgendwas zu besorgen. Und deshalb ist hier, glaube ich, das größte, allerallergrößte Plus, was wir haben, nicht nur unser Wissen und unsere Belesenheit, sondern eben auch das Familiäre in unserer Atmosphäre.

Literaturszene Bonn: Sehr schön. Das merkt man auch schon, wenn man hier reinkommt.

Jenny Jung: Das ist schön. Danke.

Literaturszene Bonn: Von Ihrem Angebot her: Haben Sie einfach ein breit gestreutes Angebot, oder haben Sie sich spezialisiert auf gewisse Genres?

Jenny Jung: Also wir haben schon ein allgemeines Sortiment. Das heißt Belletristik, Kinderbuch, Krimi, Sachbuch haben wir ein bisschen, Kochbuch, wir haben auch einiges an Non-Books. Es ist aber so, dass wir hauptsächlich eigentlich mehr die literarische Belletristik geführt haben, dass sich das aber auch so ein bisschen verlagert hat in den vergangenen Jahren. Dass wir gemerkt haben, es kommt mehr Kinderbuch dazu. Weil auch einfach wegen den Familien, die hierherziehen, es ziehen jetzt viele junge Familien nach Kessenich. Das ist ganz schön. Also da verändert sich die Kundschaft noch mal, deshalb hat sich unser Sortiment angeglichen. Und was jetzt ganz neu mehr oder weniger hinzukommt, sind die Krimis tatsächlich.

Literaturszene Bonn: Krimis?

Jenny Jung: Ja, genau. Aber eigentlich würde ich sagen, ist die literarische Belletristik unser Steckenpferd. Wir weiten unser aber aus, und ja, werden da etwas breiter, was aber sehr schön ist.

Literaturszene Bonn: Sehr schön. Das stimmt. Wir haben auch auf Ihrer Website gesehen, dass Sie wöchentliche Literaturtipps geben.

Jenny Jung: Ja.

Literaturszene Bonn: Wie suchen Sie diese Literaturtipps aus?

Jenny Jung: Nach Vorlieben. Jeder von uns schreibt da seine persönlichen Buchempfehlungen rein, von Büchern, die einem sehr am Herzen liegen oder die wirklich herausgestochen sind beim Lesen. Bei denen man viel Spaß hatte und bei denen wir denken, das müssen die Leute einfach lesen.

Literaturszene Bonn: Also ist das auch eine persönliche Auswahl dann von Ihnen?

Jenny Jung: Ja.

Literaturszene Bonn: Das klingt gut.

Jenny Jung: Ganz genau. Das ist quasi unser wöchentlich kleines Ding, bis es in der Weihnachtszeit zu unserem Weihnachtsflyer kommt. Den machen wir jedes Jahr, da schreiben wir auch jeder so drei bis vier Buchtipps rein, also unsere Herzensbücher des Jahres, und verteilen die Flyer eben an die Kunden so als kleine Hilfe für die Weihnachtsgeschenkeauswahl. Und damit das unter dem Jahr nicht abreißt, schreiben wir da auch unsere Buchtipps.

Literaturszene Bonn: Da freuen sich auch sicher die Kunden und Kundinnen, wenn sie sich einfach mal auf so einen Buchtipp verlassen können. Und wenn sie gerade nicht wissen, was sie lesen sollen.

Jenny Jung: Genau. Und es ist schon so, dass viele von unseren Kunden auch bestimmte Buchhändler von uns als „ihren Buchhändler“ auserkoren haben. Dass man weiß, es passt. Und wenn die dann lesen, ach, den Tipp hat Tobias Wrany geschrieben, den kann ich auf jeden Fall blind kaufen, ohne dass ich da groß nachforschen muss, worum es geht oder was es ist. Das ist schon ganz schön. Und das ist eben wieder das Atmosphärische und Familiäre, was ich meinte.

Literaturszene Bonn: Dann versteht man noch ein bisschen mehr, was Sie meinen. Dann würde ich noch gern wissen, wie sich die Situation in der Pandemie verändert hat beziehungsweise welche Auswirkungen das auf Ihr tägliches Geschäft hatte oder generell den Buchladen.

Jenny Jung: Es war schon, vor allem im Lockdown, ein sehr anderes Arbeiten, was wir hier an den Tag gelegt haben. Weil wir einfach komplett zu waren, aber doch nicht zu waren. Wir waren schon jeden Tag hier, haben alle Anrufe entgegengenommen, E-Mails beantwortet und haben dann tatsächlich alles, was wir konnten, mit dem Fahrrad ausgeliefert, was irgendwie hier in der Gegend war. Stundenlang. Und den Rest halt mit dem Auto, also wir haben da nicht kleingegeben, wir waren wirklich da für die Kunden. Und das hat dann tatsächlich auch bewirkt, dass wir viele Kunden dazugewonnen haben. Dann sind wir auch wirklich dankbar für. Also auch unsere Stammkunden, die wir vorher hatten, die haben verbreitet, dass es uns gibt und dass wir weiterhin offen haben. Dadurch ist das alles noch mal viel breiter geworden und viel größer geworden. Und da sind wir so dankbar für. Und es ist schon ein anderes Arbeiten jetzt, aber man merkt durch Corona auch so ein bisschen, was man vorher hatte und was man gar nicht gemerkt hat, was man vermisst.

Literaturszene Bonn: Was man nicht zu schätzen wusste, oder meinen Sie eher auch den Stress, den man nicht vermisst?

Jenny Jung: Der Stress war während des Lockdowns größer. Den möchte ich so auch nicht noch mal. Den möchte, glaube ich, keiner von uns noch mal haben. Ne, es ist aber so, wir hatten eine Zeit lang diese Click-and-Collect-Station, und dann war ja immer nicht klar, wann dürfen wir wieder aufmachen und wie viele Leute dürfen wir reinlassen. Und mir persönlich ging es tatsächlich so, dass es mir sehr, sehr vor dem Tag gegraut hat, an dem wir wieder Leute reinlassen, weil ich einfach gedacht habe: Wie mache ich das mit dem Abstandhalten? Und es gab schon häufiger Diskussionen dann auch mit Leuten, die es nicht so eingesehen haben. Dann muss man ständig auf die Maske hinweisen. Das gehört alles dazu, aber wenn man das jeden Tag hat, zerrt das natürlich an den Nerven. Deshalb hat es mir sehr gegraut, und als ich hier den allerersten Kunden beraten habe, da habe ich gedacht: Ach so, das ist es? Das habe ich total vermisst. Und ab dem Zeitpunkt war es wunderschön, und ich habe gedacht, ich möchte es nie wieder haben, dass es zu ist und ich nur irgendwelche Ware rausreichen kann oder am Telefon beraten kann. Weil ich einfach das Gegenüber sehen muss und was da in den Augen vor sich geht, während man so erzählt.

Literaturszene Bonn: Natürlich. Es ist dann schöner, eine direkte Reaktion zu bekommen.

Jenny Jung: Genau. Von daher sind wir sehr, sehr froh.

Literaturszene Bonn: Konnten Sie auch feststellen, wie da mehr Leute angefangen haben, durch den Lockdown zu lesen? Dass es wieder ein größeres Interesse gab, vielleicht? So am Lesen generell?

Jenny Jung: Das kann ich mir schon vorstellen, ja.

Literaturszene Bonn: Haben Sie das auch gemerkt?

Jenny Jung: Ja, gemerkt haben wir das auch. Genau, dadurch dass wir auch mehr Kunden dazubekommen haben. Es wurde dann tatsächlich nicht nur ein Buch genommen, sondern drei. Es kann auch sein, dass derjenige nur einen Vorrat haben wollte und nicht ständig wieder loswollte. So generell würde ich schon sagen: Ja, die Leute lesen mehr. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass man irgendwann so einen Netflix-Overflow hat und nicht mehr nur auf dem Sofa liegen will. Und dann war es ja noch die dunkle Jahreszeit, in der man nicht rauskonnte. Da ist noch mal so ein Rückbesinnen auf das „gute alte Buch“ gekommen.

Literaturszene Bonn: Das kann ich mir gut vorstellen. Ich lese generell sowieso gern, aber man hatte einfach mehr Zeit.

Jenny Jung: Genau.

Literaturszene Bonn: Gibt es noch etwas, was Sie gern über diesen Laden erzählen würden?

Jenny Jung: Ich möchte erzählen, dass er die schönste, tollste Buchhandlung überhaupt ist und dass gern alle kommen und sich davon überzeugen lassen sollen. Und wir freuen uns über jeden, der kommt. Wir sind froh, beraten zu können, und sind froh, dass wir diese ganze Pandemiesache so durchgestanden haben, und sind sehr, sehr dankbar dafür.

Literaturszene Bonn: In Ordnung. Das freut mich. Danke schön für das Interview und für die ganzen Informationen.

Jenny Jung: Gern.

 

 

3. Goethe & Hafis

 

Literaturszene Bonn: Es freut mich, dass ich heute bei Ihnen sein kann. Hier in der Buchhandlung Goethe Hafis.

Jalal Rostami: Es freut mich auch.

Literaturszene Bonn: Ich würde Sie bitten, sich einmal vorzustellen und auch Ihren Buchladen.

Jalal Rostami: Sehr gern. Also unseren Buchladen gibt es circa seit 27 Jahren, angefangen in Bonn-Tannenbusch. Dann sind wir hierhingekommen, seit 20 Jahren sind wir auf dem Bruiser Berg und haben vor sechs Jahren einen der Pendants in Röttgen noch eröffnet. Der Namensgeber unserer Buchhandlung ist der „West-östliche Divan“ von Goethe, der in diesem Divan Bezug nimmt auf seinen Seelenverwandten aus dem Orient, Hafis. Und das ist auch so ein bisschen unser Konzept.

Literaturszene Bonn: Ihr Konzept ist ja besonders, in Bonn sogar, glaube ich, einzigartig. Das einer Buchhandlung mit angeschlossenem Verlag oder Verlag mit angeschlossener Buchhandlung. Wie genau funktioniert dieses Konzept?

Jalal Rostami: Das ist so, dass Verlag und Buchhandlung unabhängig voneinander agieren, aber thematisch vereint sind. Es geht tatsächlich um den Dialog der Kulturen, um einen Austausch. Der Verlag publiziert Werke vergriffener Auflagen von Orientalisten zum Beispiel oder zeitgenössische Literatur. Wir verlegen auch Bücher von Schriftstellern, die in ihren Ländern wie im Iran aufgrund der Zensur nicht veröffentlichen dürfen. Genau. Es ist quasi unter einem Stern oder einem Gesichtspunkt, nämlich Dialog, kulturelle Vielfalt. Aber beides ist unabhängig voneinander.

Literaturszene Bonn: Sehr interessant. Also wird beides unter einem Motto geführt.

Jalal Rostami: Genau.

Literaturszene Bonn: Es gibt in der Arbeit selbst aber keine Schnittpunkte.

Jalal Rostami: Oder wenige Schnittpunkte, ja.

Literaturszene Bonn: Wie hat sich denn jetzt die Situation durch die Pandemie geändert, hier in Ihrem Buchladen?

Jalal Rostami: Zum Glück muss ich sagen, dass wir nicht negativ oder allzu sehr negativ betroffen waren. Als die erste Schließung kam, war es so, dass Kunden noch bei uns bestellt haben und wir die Bücher ausgeliefert haben per Fahrrad, mit dem Auto, zu Fuß. Wir haben eine sehr treue Stammkundschaft, die uns sehr die Treue gehalten hat und unterstützt hat. Von daher toi, toi, toi. Ich glaube, da gibt es Einzelhandlungen oder Einzelhändler, die wesentlich schlimmer davon betroffen sind.

Literaturszene Bonn: Das kann ich mir vorstellen. Zum Thema Stammkundschaft: Gibt es da eine bestimmte Zielgruppe, auf die Sie ansprechen oder die Sie hier empfangen, oder ist es eine gemischte Kundschaft?

Jalal Rostami: Es ist eine gemischte Kundschaft. Allerdings sehen wir natürlich, es ändert sich. Die Kundschaft, die wir haben, besteht hauptsächlich aus älteren Damen und Herren. Aber man merkt natürlich, dass sich auch hier der Ort etwas verändert. Dass es immer mehr Familien gibt, die hier wohnen, und das merken wir halt auch anhand unserer Klientel und anhand unserer Kundschaft. Aber jeder ist bei uns willkommen, und wir sind auch für jeden da.

Literaturszene Bonn: Sehr schön. Ich denke, das kann man auch an Ihrem Angebot erkennen. Hier gibt es Kinderbücher, aber auch Bücher für Erwachsene.

Jalal Rostami: Belletristik und auch Sachbücher …

Literaturszene Bonn: Können Sie noch etwas auf Ihr Angebot eingehen, damit man weiß, was man hier bekommen kann?

Jalal Rostami: Wir haben ein allgemeines Sortiment, aber auch mit dem Schwerpunkt auf Sachbücher. Und auf Bücher mit dem Dialog zwischen Orient und Oxident. Genau. Wir haben zum Beispiel am 25. August mit Natalie Amiri, das ist auch ein fester Punkt unserer Buchhandlung oder ein festes Konzept unserer Buchhandlung, dass wir Veranstaltungen haben. Und am 25. August haben wir jetzt eine Veranstaltung mit Natalie Amiri, das ist die ARD-Korrespondentin, die auch den „Weltspiegel“ moderiert. Da stellt sie ein Buch vor, dass sie über den Iran geschrieben hat.

Literaturszene Bonn: Sehr interessant. Ja, dann freue ich mich, dass ich heute hier sein durfte, und danke Ihnen für das Interview und freue mich, dass wir Sie in diesem Rahmen vorstellen können.

Jalal Rostami: Danke schön.

 

 

4. Parkbuchhandlung

 

Literaturszene Bonn: Danke, dass Sie sich heute Zeit nehmen. Und ich würde gern damit beginnen, dass ich Sie einmal bitte, sich und Ihren Buchladen vorzustellen.
Barbara Ter-Nedden: Die Parkbuchhandlung ist ein ganz eigener Kosmos mit eigener Anziehungskraft, und im Mittelpunkt steht, wie ich finde, das besondere Sortiment. Ein Beispiel: Vor Kurzem kam ein junger Mann hier hereingestürmt, durchschritt unsere Buchhandlung und sagte dann: „Donnerwetter, was haben Sie für ein kuratiertes Sortiment.“ Und das bezeichnet das ganz gut. Also das Sortiment ist ganz gut ausgewählt. Das ist das eine. Man findet sowohl die Kassiererin vom Rewe um die Ecke als auch den Philosophieprofessor, der extra zu uns kommt aus Köln oder aus Bonn. Auch der findet hier etwas. Für jeden ist etwas hier. Das ist die eine Sache, die uns auszeichnet. Das Zweite ist, dass sich hier junge Leute vermischen mit mir zum Beispiel als Urgestein als Buchhändlerin, die das schon sehr lange macht. Ich lege Wert auf Klassiker, besonders gute Sprache, sehr literarisch soll es sein. Und meine Mitarbeiter sind auch durchaus offen für Experimentielles, uns vereint sozusagen die Liebe zur Literatur. Und das spüren unsere Kunden auch, und deswegen kommen sie sehr gern hierher. Wir verkaufen natürlich nicht nur Bücher, wir treffen auch Autoren, wir veranstalten von Anfang an Lesungen, sowohl Autoren, die relativ unbekannt sind bei uns, das wird dann bei uns in der Buchhandlung stattfinden die Lesung, als auch sehr bekannte Autoren wie Judith Hermann. Denis Scheck war auch schon bei uns. Und das machen wir dann im Schauspielhaus oder in der Retorte. Also es fügt sich hier alles wunderbar zusammen. Was man vielleicht noch sagen sollte, ist, dass wir auch einen großen Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur legen. Denn das ist sozusagen unsere Zukunft.
Literaturszene Bonn: Das klingt sehr interessant. Sie haben ja gerade schon angesprochen, dass sie Bücher für jedermann anbieten und eine große Auswahl haben. Könnten Sie eine gewisse Stammkundschaft ausmachen? Kommen eher Familien zu Ihnen, Studenten oder Studentinnen oder eher ältere Personen?
Barbara Ter-Nedden: Ich weiß genau, welche Kunden zu mir kommen. Und das sind hauptsächlich die Leute hier am Ort, also Bildungsbürgertum, aber es kommen auch alle anderen, also auch junge Leute, junge Familien mit vielen Kindern. Samstags treffen sich hier immer die Familien, um einfach auch mal einen Ausflug in die Buchhandlung zu machen, und jeder darf sich ein Buch auswählen. Dadurch, dass wir so ein breites Sortiment haben, kommen sehr viele. Aber wir haben ein wirkliches Stammpublikum, und das ist also nicht nur am Ort, sondern es gibt Leute, die kommen regelmäßig aus Oberwinter oder sonst irgendwoher. Um zu uns zu kommen.
Literaturszene Bonn: Dann nehmen sie trotzdem den weiten Weg auf sich, um hier in die Buchhandlung zu kommen. Das ist sehr schön. Das ist auch ein Kompliment für Ihre Buchhandlung.
Barbara Ter-Nedden: Auf alle Fälle.
Literaturszene Bonn: Seit wann gibt es Ihre Buchhandlung?
Barbara Ter-Nedden: Ich habe die Buchhandlung übernommen von einer alten Dame, die uns immer noch besucht, die mit, glaube ich, 69 Jahren gesagt hat: „Jetzt ist es gut. Jetzt will ich an die Nachfolgerin übergeben.“ Und die Buchhandlung wurde gegründet etwa Ende der 60er-Jahre. Und war dann immer in einer Hand. Und von dieser Hand ist sie zu mir gekommen.
Literaturszene Bonn: Und sie war auch immer in Godesberg hier?
Barbara Ter-Nedden: Ja. Also wird sind am Ort schon zweimal umgezogen. Wir waren zunächst eine Kellerbuchhandlung. Wenn Sie einen Kinderwagen bei uns unterbrachten, dann war die Buchhandlung sozusagen schon voll. Und dann mussten wir ausziehen, weil das Haus renoviert werden sollte, und dann sind wir in größere Räumlichkeiten. Und in diesem Jahr sind wir noch einmal umgezogen, also nach der Pandemie oder während der Pandemie, hier in diese neuen Räume, weil unser Vermieter eben die Miete drastisch erhöhen wollte. Und wir sind hier sehr glücklich.
Literaturszene Bonn: Das ist auch ein sehr schönes Lokal.
Barbara Ter-Nedden: Ja, finde ich auch.
Literaturszene Bonn: Sehr schön. Jetzt würde mich noch interessieren, wie sich die Corona-Situation auf Ihren Buchladen ausgewirkt hat und wie Sie damit umgegangen sind.
Barbara Ter-Nedden: Zuerst war es ein großer Schock. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. 12. März 2020 hatten wir unsere letzte Lesung mit Safranski im Schauspielhaus, das war überhaupt die letzte Lesung in Bonn. Dann war alles geschlossen. Und wir wussten dann erst mal nicht, was machen wir jetzt eigentlich. Harter Lockdown. Und dann hatte ich aber eine ausgezeichnete Mitarbeiterin, die sich sehr gut im Marketing auskannte, und die hat dann alles, was wir schon hatten, wir hatten ja alles schon, aber wir haben das dann genutzt. Wir haben unseren Webshop genutzt, wir haben unsere E-Mails genutzt. Wir hatten einen großen E-Mail-Verteiler, den wir dann wöchentlich oder sogar zweiwöchentlich mit Buchinspirationen, so nannten wir das, genutzt haben. Wir waren im ständigen Kontakt mit unseren Kunden, und die waren dann natürlich dann auch bereit, an die Hintertüre zu kommen und dort ihre Bücher abzuholen. Wir haben auch versandt. Wir sind auch rumgefahren, mit dem Fahrrad, mit dem Auto. Also wenn wir sozusagen nicht so reagiert hätten, dann weiß ich nicht, was passiert wäre. Es gibt ja genug Geschäfte, die diese Möglichkeit nicht hatten und die dann doch sehr darunter litten.
Literaturszene Bonn: Ja, auf jeden Fall. Für mich klingt es aber, als wären Sie schon auch noch mit diesem Einfallsreichtum sehr gut dadurch gekommen.
Barbara Ter-Nedden: Ja, unbedingt. Wir haben kaum Verluste erlitten.
Literaturszene Bonn: Das freut mich zu hören.
Barbara Ter-Nedden: Muss man so sagen.
Literaturszene Bonn: Konnten Sie auch feststellen, dass sich wieder mehr Leute fürs Lesen interessiert haben während der Pandemie?
Barbara Ter-Nedden: Ja, es gab eine Zeit, wo die Leute auch nichts anderes hatten, wo sie nicht rauskonnten, und da wurden dann einfach Bücher gebraucht. Und wir hatten eben das Glück, dass unsere Kunden nicht bei unserem großen „Feind“, der mit A beginnt, bestellt haben, sondern zu uns kamen und bei uns bestellt haben.
Literaturszene Bonn: Sie konnten natürlich auch mithalten, weil Sie Bücher geliefert haben. Und das ist dann natürlich die Bequemlichkeit, die viele dazu verleitet.
Barbara Ter-Nedden: Ja, aber die Leute haben sich auch auf den Weg gemacht mit dem Fahrrad, mit dem Auto und sind dann an unsere Hintertüre gekommen und haben abgeholt.
Literaturszene Bonn: Das freut mich, dass das bei Ihnen so den Umständen entsprechend gut gelaufen ist. Haben Sie noch irgendwas, was Sie gern über Ihren Laden sagen würden, oder irgendwelche abschließenden Worte?
Barbara Ter-Nedden: Sagen wir mal: Die Pandemie hat uns verändert. Ich glaube nicht, dass wir noch einmal dahinter zurückkehren können. Unsere Kunden benutzen weiterhin, obwohl sie auch zu uns kommen können, unseren Webshop regelmäßig. Wir werden auch angerufen, und die Bücher werden jetzt eigentlich viel mehr bestellt als früher. Also wir machen auch Telefonservice, also wir beraten unsere Kunden per Telefon. Also das hat sich grundlegend verändert. Also die Bereitschaft der Leute, solche Medien zu nutzen, die ja auch ganz sinnvoll sind, also wenn jemand krank ist und dann bestellt er die Bücher bei uns per Webshop, per Telefon, per Mail, und das hat ja auch sein Gutes.


Literaturszene Bonn: In Ordnung. Das freut mich. Und ich wünsche Ihnen und Ihrem Laden alles Gute und bedanke mich für das Interview.
Barbara Ter-Nedden: Sehr gern.

 

 

5. The Art of Books

 

Literaturszene Bonn: So, ich bin hier in der Bonner Südstadt in The Art of Books mit Doris. Vielen Dank, dass wir hier sein dürfen.

Doris Graß: Sehr gerne!

Literaturszene Bonn: Ich würde Dich zuallererst einmal darum bitten, den Laden vorzustellen. Ganz grundlegend.

Doris Graß: Das ist der Buchladen The Art of Books. Wir sind am Bonner Talweg, in der Südstadt – machen das zwei Jahre. Etwas über zwei Jahre sind wir jetzt an diesem Ort und ja, meine erste Buchhandlung. Und das ist ein deutsch-englischsprachiges Geschäft, wo wir deutsche und auch englischsprachige Literatur anbieten, im kleinen Rahmen, wie man sieht. Also im kleinen Raum. Und ja, wir sind sehr zufrieden bisher – was kann man sagen – wir haben halt das Sortiment, trotz kleiner Fläche und schauen, dass wir von allem etwas Schönes dabei haben – sehr ausgewählt, glaub ich aber.

Literaturszene Bonn: Und wie bist Du zu dem Beruf gekommen?

Doris Graß: Ich hatte Lust auf etwas anderes. Also ich habe vorher in der Forschung gearbeitet und wollte gern auf schöne Art und Weise wieder mit Büchern konfrontiert sein – oder schöner für mich – und hatte diesen Gedanken schon eine Weile im Hintergrund, dass eine Buchhandlung aufmachen ein Plan B sein könnte für meine Zukunft, die mich glücklicher macht als vorher. Und dann haben wir es irgendwann gemacht, mein Partner und ich. Und jetzt läuft es.

Literaturszene Bonn: War es dann auch vorher Literaturwissenschaft in der Forschung oder ein ganz anderer Schwerpunkt?

Doris Graß: Ich bin Soziologin und habe viel im Bildungsbereich, mit sozialer Ungleichheit, gearbeitet. Also eigentlich ziemlich anders. Aber mit Literatur habe ich mich nicht professionell voll beschäftigt, sondern eher, weil sie Freude macht. Weil ich einfach gerne lese – wer nicht.

Literaturszene Bonn: Und Du hast ja schon ein bisschen was zum Sortiment gesagt, dass ihr deutsche und englische Bücher habt – kannst Du da noch ein bisschen mehr in die Tiefe gehen? Also in welche Richtungen ihr da geht, wenn Du von einem ausgewählten Sortiment sprichst?

Doris Graß: Wir haben ja nicht viel Platz. Das heißt, man muss einfach mal ein bisschen schauen, dass es hier her passt, aber irgendwie auch – sag ich mal – zu mir und zum Laden passt. Das heißt, das ist überwiegend, oder eigentlich nur Bücher, wo ich sage „Ja, die möchte ich, dass wir die verkaufen.“ Und deswegen ist das eine sehr eklektische Auswahl von Büchern, die – ich möchte nicht sagen, die ich schön finde, aber wo ich denke, die sind’s wert hier zu stehen. Da freue ich mich, dass die da sind. Und da ich selber sehr viel englischsprachig lese und das irgendwie immer noch getan habe, war für mich dieser Schritt auch ganz klar, es soll eine englischsprachige Buchhandlung – aber nicht nur englischsprachig – sein. Ich finde, da gibt es auch nicht so viel Auswahl und umso mehr macht es Freude zu schauen, was könnte hier – ja, was könnte passen.

Literaturszene Bonn: Sehr schön. Wir haben auch gesehen, dass ich auch Veranstaltungen im Laden habt. Sind das dann vorrangig Lesungen oder wie schaut das aus?

Doris Graß: Wir haben vier Monate vor Corona aufgemacht, das heißt, eigentlich war mal der Plan zu sagen, wenn wir mal gesettlet sind, wenn wir wissen, so geht Buchladen, aber – fangen wir an mit Veranstaltungen, und auf einmal ging da gar nicht jetzt eineinhalb Jahre lang. Und wir hatten jetzt unsere allererste Lesung tatsächlich erst vor drei Wochen. Die war super – von einer Bonner Autorin. Hat viel Freude gemacht. Aber das ist ein kleiner Rahmen, da waren wir 16, 17 Menschen. Und ansonsten haben wir einen Lesekreis vom Literaturhaus Bonn, der oft herkommt. Jetzt auch Corona-bedingt müssen wir mal schauen, wie sich das weiterentwickelt, aber das ist eigentlich eine schöne Runde. Auch noch einen für jüngere Leser, auch aus dem Literaturhaus, ein Lesekreis, der noch dazu kommt. Die sich einmal im Monat, oder wie oft auch immer, bei uns treffen und ihre Bücher diskutieren. Und wir wollen das schon noch ausbauen, aber im Moment ist es eine schwierige Situation, um Veranstaltungen nach vorne einzuplanen. Also wir hätten da so ein paar Ideen, auch für Lesungen, aber ich glaube, das muss alles noch ein bisschen warten, weil es immer ein wenig schade ist, wenn man zwei/ drei Tage vorher absagt und sagt, das geht nicht. Wir hatten das mit Musikveranstaltungen schon, dass wir kurz vorher sagen mussten „Nee, das klappt nicht. Die Situation spitzt sich zu.“ Und deswegen – peu à peu soll sich das in die Richtung entwickeln. Aber wie gesagt, bisher war das schwierig.

Literaturszene Bonn: Ja, leidige Zeiten.

Doris Graß: Kann man so sagen.

Literaturszene Bonn: Aber wir haben auch gesehen, dass es dafür auch so schöne andere Ideen gibt. Also wir haben von dem Bücher-Abo gelesen, was ihr ja habt. Magst Du dazu ein bisschen was sagen?

Doris Graß: Das ist noch ganz neu und das entsteht jetzt auch so erst. Weil ich habe das noch gar nicht durchdefiniert in der Größe. Aber es waren einfach mal ein paar Anfragen von Kundinnen da, ob sie das machen könnten. Und dann dachte ich mir, ja sicher. Das können wir machen. Jeder sagt so ein bisschen welche Bücher – aus welcher Richtung – hätte sie gerne was und dann schaue ich einmal im Monat, dass ich as neues finde für die Person, aus dem breiten Spektrum, was mir vorher gesagt wird. Also wenn es heißt zeitgenössische Belletristik, Englisch, von den und den Autoren, dann schaue ich halt, dass da vielleicht was passen könnte, was die Person eventuell noch nicht kennt. Das ist ja immer so eine Überraschung dann. Finde ich eigentlich ganz schön – es ist für mich auch immer ganz aufregend: „Oh, was tue ich da jetzt rein und was bekommt die Person.“, aber wir gucken dann einfach nach Gefühl. Und wenn’s dann mal nicht funktioniert, dann kommt die dann und sagt: „Das hatte ich schon.“, und dann tauschen wir es gegen etwas anderes um. Aber ja, einfach so ein bisschen Freiheit zu sagen „Das könnte doch was sein, probiert das doch mal.“ Manchmal klappt’s und bisher eigentlich ganz gut.

Literaturszene Bonn: Das ist eine schöne Idee. Zum Schluss stellen wir immer die Fragen, was denn das letzte Buch ist, das empfohlen wurde.

Doris Graß: Ich habe ein Buch mitgebracht, was mir zuletzt einfach ganz, ganz wunderbar gefallen hat. Das heißt Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte. Das ist ihr Erstlingsroman und ich bin da einfach drüber gestolpert – ich weiß gar nicht genau warum. Manchmal ist das so. Und das ist ein unglaublich schön geschriebenes, poetisches Buch, das quasi wie ein Märchen funktioniert. Ich möchte nicht sagen, wie ein modernes Märchen, weil es eigentlich schon und er Zeit des Mittelalters – sag ich jetzt mal so – spielt. Aber es geht um einen Jungen der einfach weiß, dass er das Richtige tun möchte und dem auch folgt, diesem inneren Drang. Das ist ein gutes Buch für diese Zeit, finde ich – das einfach ganz ganz wunderschön zu lesen ist. Eine Empfehlung auf jeden Fall.

Literaturszene Bonn: Dann vielen Dank für diesen Tipp und danke, dass wir hier sein durften.

Doris Graß: Sehr gerne. Es freut mich.

 

 

6. Unsere Buchhandlung am Paulusplatz

 

Literaturszene Bonn: Wir sind hier in „Unserer Buchhandlung am Paulusplatz“, neben mir hier sitzt Philipp Seehausen. Ich würde einfach mal damit starten, Sie zu bitten, sich und den Buchladen vorzustellen.

Philipp Seehausen: Das hier ist „Unsere Buchhandlung am Paulusplatz“, den Laden an sich gibt es schon seit über 30 Jahren. Ich selbst habe den Laden vor genau zehn Jahren übernommen, also 2011. Von der Tradition her war der Laden früher ein Bioladen, aus dem sich in den 80er Jahren diese Buchhandlung gegründet hat. Damals nur für Fachbücher für Anthroposophie, Waldorfpädagogik und die dazugehörigen Kinderbücher, neben noch ein paar Roman. Ich habe den Laden dann vor zehn Jahren übernommen und daraus dann eine Stadtteilbuchhandlung gemacht. Das Ganze in Tannenbusch, also im Bonner Nord-Westen. Eigentlich haben wir damit an Tradition angeknüpft, denn es gab auf diesem Paulusplatzt eigentlich immer eine Buchhandlung, mit einer kurzen Unterbrechung. Und da haben wir gesagt: Dieser Stadtteil braucht eine Buchhandlung. Dann haben wir beides miteinander verknüpft, dass heißt, wir sind sowohl Stadtteilbuchhandlung als auch Fachbuchhandlung für Anthroposophie und Waldorfpädagogik.

Literaturszene Bonn: Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?

Philipp Seehausen: Man sagt ja immer: Wie die Jungfrau zum Kinde. Also ich wollte eigentlich in eine ganz andere Richtung und Unternehmensberater werden. Ich wollte in Amerika studieren, dafür musste man aber eine Prüfung machen. Diese eine Prüfung habe ich nach abgeschlossenen Bachelorstudium nicht mit der vollen Punktzahl bestanden. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich gefragt, ob ich die Buchhandlung nicht auf ihrem Weg zu einer Stadtteilbuchhandlung begleiten möchte, bis dann irgendwann ein Verein den Laden übernehmen kann. Dann habe ich mir das angeschaut und mir gesagt, dass ich das eigentlich ganz gerne selbst machen möchte. Und ich bereue das nicht! Ich würde den Laden auch nicht aufgeben wollen, um wieder Unternehmensberater zu werden – Da bleibe ich jetzt bei!

Literaturszene Bonn: Was ist denn das Besondere an dem Sortiment Ihrer Buchhandlung?

Philipp Seehausen: Das besondere ist die große Bandbreite. Wir haben sowohl die Boulevardzeitschriften da, aber auch alles von Unterhaltungsliteratur bis hin zu sehr anspruchsvoller Fachliteratur oder besonderen Büchern von kleinen, unabhängigen Verlagen. Darin spiegelt sich auch der Stadtteil wider: Wir sind ein sehr breit aufgestellter und vielfältiger Stadtteil. So etwas wie Gentrifizierung spielt hier noch keine Rolle. Hier leben verschiedene Kulturen und Einkommensniveaus nebeneinander. Das findet man auch im Laden und in der Kundschaft wieder: Das schönste ist eigentlich, wenn die Menschen bei uns auf dem Sofa sitzen, beieinander Kaffee trinken und einer liest die Tageszeitung – meinetwegen auch die BILD-Zeitung – und daneben sitzt jemand, der Hannah Arendt liest, und dann darüber ein Gespräch entsteht. Es begegnen sich die unterschiedlichsten Menschen. Das zeichnet diese Buchhandlung aus.

Literaturszene Bonn: Sie haben hier ja auch Veranstaltungen. Wie funktioniert das, und welche Art von Veranstaltungen finden hier statt?

Philipp Seehausen: Auch da ist uns wichtig, ein breites Spektrum abzudecken. Wir haben zum Beispiel eine Krimi/Comedy-Lesung. Aktuell starten wir eine Reihe mit Elke Pistor, einer bekannten Regionalbuchautorin. Oder aber auch größere Formate: Wir hatten zum Beispiel kürzlich Bachtyar Ali bei uns, da hatten wir einen Leser da, einen Musiker, einen Moderator und natürlich den Autor selbst. Man kann aber insgesamt sagen, dass wir wirklich die gesamte Bandbreite abdecken wollen. Wir haben auch schon Lesungen in Cafés gemacht, bei denen man für den Eintrittspreis neben der Lesung auch ein Stück Kuchen und einen Kaffee bekommen hat. Außerdem kommen die Ideen oft von unseren Kunden. Das ist auch Teil des Konzeptes. Wir heißen „Unsere Buchhandlung am Paulusplatz“, weil wir uns auch als Gemeinschaft sehen. Wir sagen also nicht: „Wir sind die Buchhändler, ihr seid die Kunden“, sondern die Kunden tragen diesen Laden auch mit. Ohne die Kunden würde es den Laden in diesen Räumlichkeiten auch überhaupt nicht geben. 

Literaturszene Bonn: Sie sind eine unabhängige Buchhandlung und auch Teil der Woche der unabhängigen Buchhandlungen (WUB). Was ist der Vorzug unabhängiger Buchhandlungen?

Philipp Seehausen: Ich fange mal mit dem Vorzug an: Der Vorzug ist, dass wir machen können, was wir wollen. Wir können Veranstaltungen machen und sind da von keiner Zentrale abhängig, die uns sagt, dringend eine Veranstaltung mit einem bestimmten Verlag zu organisieren. Wir können das Sortiment frei gestalten. Wir können den maximalen Service anbieten. Wir haben alle Großhändler, die es in Deutschland gibt, unter Vertrag, das heißt, wir können auch schnell liefern. Das sind die Vorteile.

Zur Woche unabhängiger Buchhandlungen: Eigentlich ist ja das ganze Jahr Woche der unabhängigen Buchhandlungen, nicht nur eine Woche lang. Aber in dieser einen Woche macht man nochmal besonders darauf aufmerksam. Man sagt: „Hey schaut mal, wir sind viele!“ Deutschland zeichnet sich durch eine sehr hohe Buchhandlungsdichte aus, wir haben also auch viele Buchhandlungen im kleinen Segment. Das unterscheidet Deutschland auch von anderen Ländern, die keine Preisbindung haben. Das ist ganz wichtig: Ohne die Preisbindung würde es viele unabhängige Buchhandlungen gar nicht mehr geben. Deswegen ist es auch wichtig, einmal im Jahr darauf aufmerksam zu machen, einmal im Jahr zu zeigen: „Schaut her. Hier sind wir. Und wir sind immer noch da.“

Literaturszene Bonn: Dann würde ich zu Ihrer letzten Buchempfehlung kommen. Was ist denn das letzte Buch, das Sie empfohlen haben?

Philipp Seehausen: Das letzte Buch, das ich empfohlen habe, ist Mein Onkel, den der Wind mitnahm von Bachtyar Ali, einem kurdischen Schriftsteller, der in Köln lebt. Eigentlich ist er der bekannteste Schriftsteller aus seiner Heimat. Mein Onkel, den der Wind mitnahm ist der vierte Roman, der auf Deutsch übersetzt wurde. Er geht in die Richtung Schelmenroman, man muss mal lachen und mal weinen. Es geht um einen Menschen, der ins Gefängnis gekommen ist und dort so ausgehungert ist, dass er so dünn ist wie ein Blatt Pergament und vom Wind vom Gefängnishof weggetragen wird. Nach seiner Amnestie kann er fliegen. Das heißt, er muss von einem Seil festgehalten werden, ansonsten trägt ihn der Wind fort. Immer wieder vergisst er, wer er ist und was er macht und fängt sein Leben immer wieder von vorne an. Wir erleben einen Menschen, der rastlos ist, der immer wieder eine neue Identität sucht, der die verrücktesten Dinge tut. Wir machen damit eigentlich all die Dinge durch, die das kurdische Volk auch durchmacht. Ein sehr berührender Roman.

Literaturszene Bonn: Das klingt sehr spannend. Vielen Dank für das Gespräch und für Ihre Zeit!

Philipp Seehausen: Ja, gerne! Ich danke auch für das Gespräch.

 

 

7. Altstadtbuchhandlung

 

Literaturszene Bonn: Ja wir sitzen hier in der Altstadtbuchhandlung. Vielen Dank Herr Löschcke, dass wir bei Ihnen sein dürfen! Ich würde Sie zuallererst einmal bitten, den Buchladen vorzustellen.

Hartmut Löschcke: Das ist natürlich eine Sache, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Also wir existieren hier jetzt im 31. Jahr, seit – 1990 haben wir die Buchhandlung gegründet. In unterschiedlichen Konstellationen. Erst hatten wir es zusammen mit einem Verlag, dann mit einem Reisebüro zusammen, dann kam die Büchergilde dazu. Und seit ’98 bin ich eigentlich selbstständiger Buchhändler. Wir haben, wie gesagt, das Programm der Büchergilde als Besonderheit mit im Laden. Und ansonsten halt Neuerscheinungen Belletristik, Krimis, Sachbuch, eher Politisches, Kinderbuch, so ein bisschen Schreibwaren und Papeterie machen wir auch.

Literaturszene Bonn: Und wie sind Sie persönlich zu Ihrem Beruf gekommen und was zeichnet den für Sie aus?

Hartmut Löschcke: Naja, das war in gewisser Weise ein Zufall, weil ich 1987 das zweite Staatsexamen für’s Lehramt gemacht habe. Das war eine Zeit, wo keiner der Absolventen sofort eine Stelle gekriegt hat und ich hatte auch so ein bisschen das Gefühl – naja also, ob ich so ein begeisterter Lehrer, ein Entertainer bin, der eine neunte Klasse samstags in der zweiten Stunde auf Trab hält. Da habe ich so meine Zweifel dran. Dann hat sich durch einen Zufall ergeben, dass ich in einer Buchhandlung eine Umschulung zum Buchhändler machen konnte. Und ja, die Gelegenheit habe ich ergriffen, habe dann 1989 meine Ausbildung abgeschlossen und 1990 ergab sich die Gelegenheit, eine Buchhandlung sozusagen zu gründen. Und sie dem mache ich das.

Literaturszene Bonn: Seitdem glücklich mit dabei.

Hartmut Löschcke: Ja.

Literaturszene Bonn: Sie haben ja gerade schon Ihr Sortiment so ein bisschen vorgestellt und da ja auch schon von der Büchergilde gesprochen. Für diejenigen, die das jetzt vielleicht nicht kennen, können Sie da vielleicht mal kurz umreißen, was das Konzept ist?

Hartmut Löschcke: Ja Büchergilde ist eigentlich die letzte verbliebene Buchgemeinschaft in Deutschland. Es gab ja früher den Bertelsmann-Buchclub, das wird vielen ein Begriff sein. Büchergilde ist im Prinzip dasselbe Prinzip. Die Büchergilde macht Titel anderer Verlage als Lizenztitel für ihre Mitglieder – haben dann einen anderen Umschlag, sind ein bisschen – meines Erachtens – schöner aufgemacht. Sind auch fadengebunden, mit Leinen eingebunden in der Regel. Die sind dann ein bisschen preisgünstiger als die normale Verlagsausgabe. Dafür muss dann eben aber auch Mitglied sein bei der Büchergilde, um die dann erwerben zu können. Und dann gibt es auch im Bereich „illustriertes Buch“ Originalausgaben der Büchergilde, die man also nur dann wirklich als Mitglied bekommt. Die gibt es gar nicht auf dem freien Markt. Illustriertes Buch – das neuste, was wir zum Beispiel haben, ist eine Ausgabe von Stanisław Lem von „Solaris“. Gibt es natürlich als Taschenbuch bei Suhrkamp seit ewigen Zeiten, aber jetzt gibt es halt eine schöne große gebundene und illustrierte Ausgabe zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem.

Literaturszene Bonn: Wunderbar, dann würde ich jetzt auch schon zur letzten Frage kommen und die wäre: was ist denn das letzte Buch oder die letzten Bücher sind, die Sie so empfohlen haben oder generell empfehlen würden?

Hartmut Löschcke: Ja, ein meiner Lieblingsbücher, muss ich ganz ehrlich zeigen, ist – auch wenn’s jetzt nicht von einem Kurden geschrieben worden ist, sondern von einem Österreicher – Bus nach Bingöl. Das beschreibt die – einen Exilkurden, der in Wien halt lange Jahre gelebt hat, in den 80er Jahren aus der Türkei nach Gefängnisstrafe geflohen bzw. ins Exil gegangen und der halt so im Jahr 2003/4 nochmal seine Familie im Ostanatolien, türkisch-kurdisches Gebiet, besucht und da halt auf völlig andere Lebenswege und -weisen stößt, als er eingeschlagen hat. Und ja, letztlich mehr oder weniger an dem Leben – an seinem Leben und an den unterschiedlichen Leben seiner Familie und – ja mehr oder weniger verzweifelt. Es hat einen gewissen hintergründigen Humor, das Ganze. Das kann man nicht anders sagen. Es ist sehr gut zu lesen. Aber es ist letztlich eine tragische Geschichte. Als Kinderbuch kann ich nur empfehlen: Hanni hat Nikoläuse – das Buch zum Nikolaus. Geschrieben von einer geplagten Mutter, die sich in Kindergarten-Zeit mit Läusen der Kinder halt rumgeschlagen hat und auf die Idee gekommen ist, warum soll nicht einmal ein Kind Nikoläuse bekommen. Es ist einfach großartig.

Literaturszene Bonn: Wunderbar. Dann vielen Dank für Ihre Tipps und dass Sie die Zeit für uns hatten.

Hartmut Löschcke: Oh, gerne.

 

 

8. Der kleine Laden

 

Literaturszene Bonn: Schön, dass wir bei Ihnen sein dürfen! Wir würden damit beginnen, Sie zu bitten, sich und den Laden vorzustellen.

Gisela Schruff-Tyrichter: Der kleine Laden ist eine Kinderbuchhandlung, die älteste in Deutschland. Sie ist 1950 gegründet worden und gehört einem Verein, dem Verein zur Förderung der guten Kinder- und Jugendliteratur e.V. Seit 1950 müssen wir natürlich Gewinn erwirtschaften, aber es gibt niemanden, der einen eigenen persönlichen Profit schlägt. Wir bekommen alle feste Gehälter, und alles, was wir zusätzlich erwirtschaften, wird in die Leseförderung gesteckt. Also wir spenden sehr viel, machen – also durch aktuell durch Corona natürlich eingeschränkt – viele kostenlose Elternabende wir laden Referendare ein, denen wir Bücher vorstellen, und damit wird das Geld verbraten, das wir an Gewinn erwirtschaften. Das ermöglicht, dass wir eine Auswahl haben, die sich eine kommerziell geführte Buchhandlung gar nicht leisten kann. Das wunderbare daran ist, dass wir nicht dem Mainstream folgen müssen. Wir bestellen hier alles einzeln. Wir arbeiten hier zu fünft oder zu sechst, ich bin seit 40 Jahren die Geschäftsführerin. Wir haben viele Kinder, die hier für uns lesen und fast alles, was hier steht, wird auch wirklich von irgendjemanden gelesen. Also, wir bestellen grundsätzlich keine Angebote, wie sie oft von Verlagen zusammengestellt werden, zum Beispiel die Neuheiten. Die werden zwar besser rabattiert, aber da wir zwar Gewinn erwirtschaften müssen, uns davon aber keinen Mercedes kaufen wollen, können wir uns ersparen, uns diesem Druck zu beugen. Das macht uns auch wirklich zu etwas Besonderem. Wir haben schon viele Preise gewonnen und sind zum Beispiel letztes Jahr als beste Buchhandlung Deutschlands ausgezeichnet worden, ein anderes Mal auch als beste Kinderbuchhandlung. Das geht natürlich nur, weil wir viele Leute haben, die hier auch begeistert arbeiten, zum Teil auch ehrenamtlich arbeiten. Die fahren zum Beispiel Bücher aus. Also unsere Familienmitglieder, unsere Söhne sind hier aufgewachsen und helfen bei der Inventur. Und wir leben natürlich von einer ganz, ganz treuen Kundschaft, die uns immer wieder unterstützt. Weil wir eben nicht nur Kinderbücher bestellen können, sondern eigentlich alles. Wir sind an zwei Grossisten angeschlossen, wir werden von 32 verschiedenen Verlagsvertretern besucht. Das ermöglicht uns, ebendiese Auswahl zu haben.  

Literaturszene Bonn: Und wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Gisela Schruff-Tyrichter: Ich habe relativ früh die Schule verlassen und wollte dann ganz schnell eigenständig werden. Ich habe dann bei Bouvier – den Laden gibt es ja leider nicht mehr – meine gemacht und habe da alle Abteilungen durchwandert. Irgendwann bin ich dann beim Kinderbuch gelandet. Und da war so eine taffe Buchhändlerin, die mir mit großer Begeisterung und Nachhaltigkeit klargemacht hat, dass man seinen Beruf in der Tasche hat, wenn man Kinder zum Lesen bekommt. Die kommen dann nämlich das ganze Leben lang. Anschließend habe ich noch eine Zusatzausbildung gemacht und bin dann hier im Laden gelandet, den es ja damals schon gab. Es hat mich einfach fasziniert, dass ich mein Wissen und mein Können nicht in den Dienst von jemandem stellen muss, der sich an mir bereichert. Und eine eigene Buchhandlung brauchte ich dann gar nicht mehr. Ich habe auch selbst vier Kinder, also da macht man sich nicht selbstständig. Aber hierher konnte ich die sogar mitbringen. Und so bin ich dann hier gelandet. Mittlerweile sehe ich auch eigentlich, dass ich so langsam Mal aufhören könnte, aber eine richtige Nachfolgerin haben wir noch nicht. Die suchen wir noch. 

Literaturszene Bonn: Was ist das Besondere an Ihrem Sortiment? Wahrscheinlich, dass Sie ausschließlich Kinderbücher führen, oder?

Gisela Schruff-Tyrichter: Genau. Ausschließlich Kinderbücher und wirklich die Tiefe. Wir haben also nicht zu einem Thema nur fünf Exemplare. Jetzt haben wir gerade eine Kiste zum Thema Diversität zusammengestellt, das ist ja momentan das neue, moderne Schlagwort. Da haben wir dann ruck, zuck zwanzig Titel zusammen. Die haben wir dann da, weil wir auch die Inhalte der Bücher kennen. Es erschließt sich ja nicht jedes Buch sofort durch den Titel. Das können wir eben machen, weil wir uns letztendlich spezialisiert haben. Außerdem haben wir das Motto „Für jedes Kind das richtige Buch“. Also wenn hier ein Kind hereinkommt, das nicht gerne liest – viele Kinder lesen ja nicht gerne, weil sie nicht lesen können. Das wird oft nicht erkannt von den Eltern – dann finden wir schon was!

Literaturszene Bonn: Also auch für alle Altersstufen?

Gisela Schruff-Tyrichter: Ja, genau. 

Literaturszene Bonn: Sie haben ja bereits erwähnt, dass Sie nicht nur ein Buchladen sind, sondern auch ein Verein. Wie funktioniert das?

Gisela Schruff-Tyrichter: Wir haben 30 oder 40 Mitglieder, die keinen Beitrag zahlen, sondern deren Aufgabe eigentlich nur darin besteht, Werbung zu machen. Uns ging es lange wirtschaftlich so schlecht, dass wir überhaupt kein Geld hatten, da haben die wirklich die Werbetrommeln gerührt. Außerdem fahren sie die Bücher aus und machen all die Dinge, die Kosten verursachen würden, wir haben ja auch keinen Firmenwagen. Dann haben wir noch eine Juristin, die unsere juristischen Angelegenheiten klärt, oder einen IT-ler, der uns hilft. Also jeder tut das, was er so kann.

Literaturszene Bonn: Dann haben Sie uns hier auch noch zwei Bücher mitgebracht! 

Gisela Schruff-Tyrichter: Genau, ich habe zwei Bücher ausgesucht. Das eine heißt Die Maus, die hat Geburtstag heut und ist seit vielen Jahrzehnten mein Lieblingsbuch. Es ist ein komplett gereimtes Buch, Reim ist ja auch für die Spracherziehung ganz bedeutend. Schon auf der ersten Seite fängt es an, da sieht man die Geschenke, die nachher ausgepackt werden. Wenn man das Buch kennt, kann man vorne schon erraten, was in den Geschenken drin ist. Und das andere ist mein neues Lieblingsbuch: Ich bin wie der Fluss, die Geschichte eines Jungen, der stottert. Es wird mit wunderbar warmherzigen Bildern erzählt, was er empfindet, wenn er die Worte sucht und wie er allmählich dazu kommt, mit seiner Stotterei umzugehen und auch lernt, besser zu sprechen. Das ist ein wunderbares Buch!

Literaturszene Bonn: Es sieht auch wunderschön aus, wie es gemalt ist!

Gisela Schruff-Tyrichter: Ganz, ganz wunderschön: „Wenn die Wörter um mich herum mir zu schwer sind, denke ich an den stolzen Fluss. Mein Vater sagt, ich bin wie der Fluss.“ Das ist wirklich sehr schön. 

Literaturszene Bonn: Vielen Dank! Für die Empfehlungen und auch dafür, dass wir hier sein durften!

Gisela Schruff-Tyrichter: Gerne! Und wenn Sie nochmal etwas brauchen, kommen Sie vorbei.

 

 

9. Antiquariat Walter Markov 

 

Literaturszene Bonn: Hallo, ich bin hier im Antiquariat Walter Markov. Danke, dass wir hier sein dürfen!

Jürgen Repschläger: Gerne.

Literaturszene Bonn: Ich würde Dich gerne am Anfang fragen – oder darum bitten – den Laden einmal vorzustellen.

Jürgen Repschläger: Ja, das ist gar nicht so einfach, weil das doch relativ vielschichtig ist. Wir sind ein klassisches Antiquariat, halten uns in Bonn. Bonn war mal eine ganz ganz klassische Antiquariatsstadt mit ganz ganz vielen Antiquariaten – auch bekannt dafür. Viele Leute haben auch Wochenendausflüge nach Bonn gemacht, mit Übernachtungen, um die Antiquariate abzuklappern. Aber aufgrund des großen Antiquariatssterbens, was natürlich auch viel mit dem Internet zu tun hat, gibt es jetzt nur noch drei Antiquariate hier. Und wir machen klassisches Antiquariat, sowohl mit Ladenlokal als auch Internet-Handel, machen Kataloge, fahren auf Veranstaltungen und nehmen an großen Antiquariatsmessen teil, wie beispielsweise an der Antiquariatsbuchmesse im Rahmen der Leipziger Buchmesse.

Literaturszene Bonn: Was hat Dich persönlich zum Beruf geführt?

Jürgen Repschläger: Meine Leidenschaft und ganz ganz viele Zufälle und ganz ganz viel Glück. Ich habe mal Verlagskaufmann gelernt, ich habe mal gedruckt, ich habe auch einen Kurs als Buchhändler gemacht – letztendlich aber nie in diesen Jobs gearbeitet. Ich habe ganz, ganz andere Sachen gemacht. Ich hatte eine Autowerkstatt, ich habe gekocht, ich bin LKW gefahren, habe Möbel geschleppt und die letzte Tätigkeit hat dazu geführt, dass ich angesprochen worden bin – so „hey“ nach dem Motto „Du kennst Dich doch mit Büchern aus und Du kannst LKW fahren“. Es ging um eine Buchhandlung / Antiquariat in Ostberlin, die anderthalb Monaten schließen musste, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten etc. pp. Ich bin dann hier auf dieser Straße, zwanzig Meter von hier, angesprochen worden. Ich bin dann – ohne Geld, ohne Idee – mit der Mitfahrzentrale nach Berlin gefahren, hab mir das angeguckt, war begeistert: etwa 60.000 bis 80.000 Bücher, genau kann man es nicht sagen. Hab gefragt „Geil, was wollt ihr dafür haben?“. „30.000 DM“, war die Antwort. Ich sagte: „Das ist vollkommen okay, aber selbst wenn ihr 3.000 gesagt hättet, das Geld hätte ich nicht.“ Woraufhin die sagten: „Wir haben Not, wir müssen hier raus. Wenn Du das wirklich machen willst, dann mach und tu. Wir geben dir ein Jahr lang Zeit zu zahlen und dann kannst Du Raten zahlen.“ Die Story ist viel viel umfangreicher, aber ich kürze es ab: ich bin dann mit LKWs Shuttleweise, immer Bonn – Berlin, Bonn – Berlin. Habe die Bücher hier überall bei Freunden/ Freundinnen, in Garagen, auf Speichern, wo irgendwo Platz war, die Bücher untergebracht. Dann stand dieses Ladenlokal hier leer und dann habe ich mich verschuldet und hab das gemietet. Und war aber in der Lage, nicht erst in einem Jahr diese 30.000 DM zu zahlen, sondern nach einem Jahr habe ich es schon geschafft. Trotz des Anfangserfolges habe ich mich nicht getraut von den Büchern zu leben, das war mir alles zu unsicher. Ich bin dann weiter LKW gefahren – vormittags – und habe nachmittags hier Antiquariat gemacht und nach zwei oder drei Jahren musste ich mich einfach entscheiden, weil es hier zu viel Arbeit wurde. Bin um’s Telefon rum geschlichen, hab drei, vier Zigaretten geraucht und hab meinem Arbeitgeber dann gesagt, ab dem ersten Mai komme ich nicht mehr. Seitdem gibt es dieses Antiquariat hier für mich als Fulltime-Job.

Literaturszene Bonn: Kannst Du auch noch ein bisschen was zum Sortiment hier erzählen – also welche Richtung ihr da habt?

Jürgen Repschläger: Wir haben angefangen mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal hier in Westdeutschland – weil, ich habe ja erzählt, die Buchhandlung war in Ostberlin und wir haben hier angefangen ausnahmelos nur mit DDR-Büchern und sind natürlich für bekloppt gehalten worden. Der DDR-Sozialismus ist kaputt gegangen, die Regierung geht nach Berlin und ich schleppe die sozialistische Literatur und die Literatur der DDR umgekehrten Wegs nach Bonn – da haben einige Leute ihre Stirn in Falten gelegt. Aber es hat funktioniert und im Laufe der Zeit hat sich das auch immens gewandelt, ausgedehnt. Wir verstehen uns als ein Links-Antiquariat. Deswegen auch kein Zufall, dass wir die ganzen Marx- und Engels-Werke aus Ostberlin geholt haben. Wir machen in unserem Kernbestand Arbeiterinnen-Bewegung und vor allem auch Bewegungsgeschichte der BRD der letzten 30/ 40 Jahre. Zweiter Schwerpunkt ist Philosophie, dritter Schwerpunkt ist Kunst. Und unser wirkliches Kerngebiet ist die Exilliteratur.

Literaturszene Bonn: Stichwort: Exilliteratur. Du hast ja gerade schon im Vorgespräch erzählt, dass da auch ein ganz spannendes, neues Projekt im Gange ist. Magst Du da vielleicht einmal kurz sagen, was es damit auf sich hat?

Jürgen Repschläger: Ja, also da ich für die Beschäftigung mit dem antifaschistischen Exil bekannt bin, hat mich ein Bekannter auf einen Spiegel-Artikel aufmerksam gemacht, wo eine Sammlung beschrieben wurde, von bildender Kunst aus dem Exil. Und gleichzeitig stand in dem Artikel, dass der Sammler händeringend einen Platz für seine Sammlung braucht, damit die auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Der Sammler ist deutlich über 70 Jahre alt, hat keine Familie und macht sich natürlich Sorge, was passiert mit seiner Sammlung, wenn er mal stirbt. Ich bin hingefahren, habe mir das angeguckt und war so begeistert. Hab gesagt: „Das mache ich jetzt zu meiner Aufgabe. Ich versuche für deine Bilder Räume zu finden.“ Und so entstand die Idee eines Exilmuseums, sowohl für die bildende Kunst, als auch für die Exilliteratur, für Briefwechsel und alles Mögliche, was rund um das Thema Exil spannend ist. Und wir sind auf einem sehr sehr guten Weg. Es ist mir gelungen die Kulturdezernentin der Stadt Bonn von dem Projekt zu überzeugen. Mittlerweile ist dieses Projekt hier auch im politischen Raum und Anfang des Jahres [2022] wird im Kulturausschuss hoffentlich ein Beschluss gefasst, dieses Projekt hier weiterzuführen. Und es gibt auch schon eine Heimstätte, eine angedachte. Das ist der Vindeck-Bunker, hier mitten in der Bonner Altstadt. Der bietet genug Platz für dieses, doch zugegebenermaßen, sehr ambitionierte Vorhaben.

Literaturszene Bonn: Dafür wünschen wir ganz viel Erfolg!

Jürgen Repschläger: Ja, vielen Dank. … Also das letzte verkaufte Buch – kann ich sagen, es ist zwar bestellt worden, es ist aber auch schon bezahlt worden – ist eine kommentierte Ausgabe der Platon-Werke. Was die klassische Philologie und die griechische Philosophie anbelangt, ist das auch seit Monaten bei uns der Renner. Hintergrund ist, dass es offensichtlich so ist, dass in Krisenzeiten – und Corona ist eine Krisenzeit, wo auch viele Sinn-Fragen gestellt werden – viele Leute auf die alte humanistische, griechisch-klassische Literatur zurückgreifen. Wir verkaufen also sehr gut aus diesem Segment. Und das ist in der Tat das letzte Buch, was hier bestellt worden ist und das Erste, das ich heute verkaufe.

Literaturszene Bonn: Wunderbar! Dann vielen Dank, dass wir hier sein durften.

Jürgen Repschläger: Gerne.